Kategorie: Kongress Juni 2014
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Presseinformation

Heidelberg/Lüneburg, 16. Juni 2014

„Machtwirtschaft nein danke“ – Wege zu einer anderen Wirtschaft

Der finanzpolitische Sprecher der Grünen Dr. Gerhard Schick (Grüne) und Christian Felber, Initiator der Gemeinwohl-Ökonomie (GWÖ), diskutieren bei der Tagung „Anders Wirtschaften“ der Akademie Solidarische Ökonomie in Heidelberg über alternative Wirtschaftssysteme. Ein Markt der Möglichkeiten begleitete die Tagung mit praktischen Beispielen sinnvollen Wirtschaftens.

„Vermachtung ist das Kernproblem des Marktes,“ so Gerhard Schick bei der Podiumsdiskussion der Tagung „Anders Wirtschaften“ am Samstag in der Stadtbücherei Heidelberg. Mit dieser Aussage nimmt er eine Haltung ein, die nur selten von Bundespolitikern so deutlich formuliert wird. Professor Dr. Helge Peukert, Universität Erfurt, die Autorin Daniela Dahn und Dr. Harald Bender stritten an der Seite von Schick um die „richtige“ Alternative zur gegenwärtigen Wirtschaftsordnung. Die Akademie Solidarische Ökonomie, eine Arbeitsgemeinschaft der Stiftung Ökumene, beschäftigt sich seit 2008 - also dem Beginn der Eurokrise - mit den Folgen immer weniger regulierter Märkte – und gleichzeitig mit der Frage, wie die Wirtschaft wieder den Menschen dienen kann. Bei ihrer Jahrestagung in Heidelberg ging die Akademie der Frage nach, wie ein grundlegender Wandel unserer Wirtschaftsweise in Gang gesetzt werde kann - auch vor dem Hintergrund der drängenden ökologischer Probleme, die mit dem „Diktat endlosen Wachstums“ in einer endlichen Welt einhergehen.

Schon am Eröffnungstag fand Christian Felber, der Initiator der Gemeinwohl-Ökonomie, ähnlich deutliche Worte wie Grünen-Politiker Schick: „Eine Wirtschaft, die nicht dem Gemeinwohl dient, ist verfassungswidrig“. Und „Demokratie darf vor dem Geldsystem nicht haltmachen". Zu einer neuen Geldordnung forderte er und fragt zugleich: „Soll eine Europäische Zentralbank wirklich nur der Geldwertstabilität verpflichtet sein? Nach welchen Kriterien wollen wir Geld als öffentliches Gut künftig einsetzen?“ Konkrete Antworten auf diese Fragen gibt Felbers Modell der Gemeinwohl-Ökonomie, in der Unternehmen neben der Finanzbilanz eine Bilanz sozialer und ökologischer Werte erstellen. Er will damit messen, inwieweit sich Unternehmen am Gemeinwohl ausrichten und damit der rein monetären Bewertung von Unternehmen ein Korrektiv an die Seite stellen. Bereits 160 Unternehmen haben bisher eine solche „Gemeinwohl-Bilanz“ erstellt.

Professor Helge Peukert („Das Moneyfest“) sieht einen Ausweg aus der derzeitigen Kapitalismus-Krise darin, das Finanzsystem umzubauen. Er möchte, dass die Bundesbank das alleinige Recht zur Geldschöpfung erhält. Momentan kann jedes Finanzinstitut Geld über Kreditvergaben „schöpfen“. Geld entwickelt sich auf diese Weise selbst zum Spekulationsobjekt – und verliert seine ursprüngliche Rolle als Mess- und Zahlungsmittel. Selbst dass der Staat sich Geld, z.B. für Investitionen in die Intrastruktur, ohne Verschuldung selbst zur Verfügung stellt, sieht Peukert als mögliches Instrument an, die stetig steigende Macht der Finanzmärkte zu bändigen. Doch derzeit gilt dies als finanzpolitisches Tabu. Zu tief sitze die historisch begründete Angst vor einer Hyperinflation und zu wenig würden die Ausgleichsmechanismen moderner Märkte in Rechnung gezogen.

Die Berliner Autorin Daniela Dahn erinnert in ihren Ausführungen daran, dass wir Bürger immer weniger bei wichtigen politischen Entscheidungen gefragt werden. Dahn führte das Beispiel des Berliner „Wassertisches“ an, bei dem es den Berlinern gelungen sei – erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik – ein Gesetz aus Bürgerhand zu formulieren und vom Berliner Senat verabschieden zu lassen. Schließlich, so Dahn, fordere das deutsche Grundgesetz „Wahlen und Abstimmungen“ und damit eine aktivere Bürgerbeteiligung.

Leitthema der Heidelberger Konferenz war die Frage, wie man zu einem Wirtschaftssystem kommt, das nicht mehr wachsen muss. Dr. Harald Bender, Leiter der Grundlagenarbeit der Akademie Solidarische Ökonomie, sieht hier das Prinzip „aus Kapital mehr Kapital machen zu müssen“ als eine der wesentlichen Ursachen für einen „systemischen Wachstumszwang“. Hier werde das Mittel des Wirtschaftens zum Selbstzweck und die Wirtschaft gerate unter den Zwang des „immer mehr“. Bender führte aus, wie das Abfließen von Renditen und Zinsen aus der Realwirtschaft in weitverzweigte Kanäle des Weltfinanzsystems zu immer neuem Kreditbedarf führt. Und zwar sowohl bei den Unternehmen als auch bei den privaten und öffentlichen Haushalten. So müsse die Verschuldung im Gleichschritt mit dem Wachstum der Vermögen ständig ansteigen. „Die Schulden der einen sind die Vermögend der anderen“, war er sich mit Peukert, Schick und Felber einig.

Im Themenforum des Kongresses erörterte Tobias Staufenberg vom BUND die Risiken des geplanten EU-Freihandelsabkommens mit den USA (TTIP), Birgit Lieber (DEAB) und Uwe Kleinert von der Werkstatt Ökonomie referierten über “Zwei Wege des fairen Handels“ am Beispiel „Verantwortlicher Beschaffung“ in Baden-Württemberg.

Doch bei der Tagung „Anders Wirtschaften“ wurden nicht nur neue Konzepte diskutiert. Begleitend zum fachlichen Disput der Finanz- und Wirtschaftsexperten zeigten 22 Heidelberger Gruppierungen in der benachbarten Schwanenteich-Anlage, wie alternatives Wirtschaften unter fairen und nachhaltigen Bedingungen schon jetzt Einzug in den Alltag gehalten hat. Unter Federführung der Regionalpromotorin Lena Burkl vom Eine-Welt-Zentrum präsentierten sich Gruppen wie „Foodsharing“, die überschüssige Nahrungsmittel an Bedürftige verteilt oder der Verein Hagebutze, der alternative Wohnformen testet, die Energiegenossenschaft Heidelberg genau so wie Transition Town oder die Jugendorganisation des BUND oder die Solidarische Landwirtschaft (SoLaWi). Die Weltläden hatten beim Markt der Möglichkeiten zum „Familien_Fußball_Fest geladen“: Torwandschießen, Informationen zur Produktion von Fußbällen, fairer Handel und die brasilianische Band „Beleza“ zeigten, dass die Beschäftigung mit globalen wirtschaftlichen Themen auch mit unterhaltsamen Aspekten funktionieren kann. Überaus zufriedene Veranstalter zählten an diesem „Markt-Tag“ knapp 1.000 Besucher in Heidelberg-Bergheim.

Der von der Akademie Solidarische Ökonomie und der GWÖ Rhein-Neckar gemeinsam geplante und durchgeführte Kongress samt dem begleitenden Markt der Möglichkeiten hat gezeigt, dass Wirtschaft keineswegs eine reine Experten-Domäne ist. Vielmehr braucht auch die Wirtschaft ein bürgerschaftliches Engagement, um Kreativität und Gestaltungswillen auch in die Weiterentwicklung unserer Art zu wirtschaften einzubringen.

In Heidelberg soll hierfür eine weitere Regionalgruppe der Akademie Solidarische Ökonomie gegründet werden. Interessenten können sich an Christoph Ecken (Tel. 06221 / 18 74 16 30; Mail) wenden.

www.akademie-solidarische-oekonomie.de

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Zur Akademie Solidarische Ökonomie

Im Sommer 2008 trafen sich engagierte Bürger, Wissenschaftler und Aktivisten, die sich aus der Arbeit im Ökumenischen Netz in Deutschland und in globalisierungskritischen Bewegungen kannten, um Prinzipien, Strukturen und Modelle einer lebensdienlichen, solidarischen und zukunftsfähigen Ökonomie aufzuzeigen. In der Folge gründete sich auf der Burg Bodenstein eine "Akademie Solidarische Ökonomie auf Zeit", die 2010 als Arbeitsgemeinschaft innerhalb der Stiftung Ökumene auf Dauer gestellt wurde. Nach gut dreijähriger Arbeit stellte die Akademie im Oktober 2011 bei einer öffentlichen Tagung in Berlin erste Ergebnisse vor. Diese wurden 2012 im Buch "Kapitalismus und dann?" (oekom Verlag) veröffentlicht. Im Jahr 2013 folgte die Publikation „Das dienende Geld. Die Befreiung der Wirtschaft vom Wachstumszwang“. Die Akademie ist für alle Interessierten offen.

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Pressekontakt Norbert Bernholt
Am Butterberg 16
21335 Lüneburg
04131/7217450


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Text vom: Datum 24.03.2014
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